Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Die Brüder Grimm erzählen das Märchen als Exempel betrogener Kindernaivität. Ilse Aichinger erteilt den Protagonisten das Wort. Es sprechen: der Wolf und jedes einzelne Geißlein, die Mutter, der Müller, der Krämer. Nicht zu vergessen der Brunnen und die Wackersteine. Am Ende ist der Wolf nicht weiß gewaschen, aber die Mutter »schwarz vom Suchen«.
Ilse Aichingers Neuerzählung unterwandert die Vorlage mit sachter Anarchie. Sie stellt das Grimm’sche Märchen in ein fremdes Licht und gibt Einblick ins eigene dichterische Laboratorium.
Der Band mit dem Text der Brüder Grimm und der Fassung Ilse Aichingers wird ergänzt durch ein erhellendes Nachwort von Simone Fässler.

Da legte der Wolf die Pfote auf das Fensterbrett. Als die Geißlein sahen, dass sie weiß war, glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf. Wer aber hereinkam, war der Wolf! Die Geißlein erschraken und wollten sich verstecken.

Jacob und Wilhelm Grimm

Ich bin der Müller. Ich dachte wohl, der Wolf will einen betrügen. Aber ich dachte auch, der Wolf tut mir Leid. Was tut ein Müller, wenn ihm der Wolf Leid tut? Er macht ihm weiße Pfoten. Weniger kann er nicht.
Ich bin das zweite Geißlein, ich bin unwichtig. Auf eins kommt zwei und auf zwei kommt drei, das weiß man. Ich lachte, als der Wolf kam. Ich sprang gleich ins Bett, da war ich leicht zu finden. Auf eins kann auch drei kommen, dachte ich. Jetzt erfahren sie es.

Ilse Aichinger

Ilse Aichinger / Brüder Grimm, »Der Wolf und die sieben jungen Geißlein«
Mit einem Nachwort von Simone Fässler
28 Seiten, Französische Broschur, Fadenheftung
€ 9,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902113-30-6
Erschienen im Oktober 2004
Lieferstatus: derzeit vergriffen; erweiterte Neuausgabe geplant für Herbst 2021


Zur Autorenseite