Die Frühvollendeten

Ilse Aichinger

Radio-Essays

In den 50er-Jahren, der großen Zeit des Radios, verfasste Ilse Aichinger nicht nur Hörspiele, sondern auch umfangreiche Radio-Essays über Autoren, die ihr wichtig waren: 1955 eine Sendung über Adalbert Stifter, 1957 unter dem Titel »Die Frühvollendeten« eine Reihe über Schriftsteller, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg jung gestorben sind: Georg Trakl, Alain-Fournier, Felix Hartlaub, Wolfgang Borchert, die Geschwister Scholl.

In den Radio-Essays erweckt Ilse Aichinger die Toten, indem sie mit ihnen und dem Radiopublikum in einen doppelten Dialog tritt: Die Autoren kommen zu Wort und Stimme durch ausführliche Zitate aus deren Dichtung und Briefen. Aichinger stimuliert das Gespräch, indem sie das Publikum mit Leben und Werk der Autoren bekannt macht, die gelesenen Texte persönlich kommentiert und immer wieder fragt, was sie hier und heute für jeden Einzelnen bedeuten können.

Ilse Aichingers Radiostücke sind als substantieller Teil ihres essayistischen Werks zu entdecken.

In der Nacht vom 3. auf den 4. November 1914 stirbt im Krakauer Garnisonsspital der Medikamentenakzessist Georg Trakl und wird auf dem dortigen Friedhof beerdigt. Der einzige Leidtragende bei diesem Begräbnis ist der Bursche Georg Trakls, ein Bergarbeiter aus dem Salzburgischen, und von ihm stammt auch die im Sinne der Liebe und Treue authentische Nachricht über Trakls Tod:

Also den 3. Abends war er noch so gut und Brüderlich sagte er noch um halb 7 Uhr bringen Sie mir Morgen um 7½ einen Schwarzen und ich soll Schlafen gehen. Und den 4. wars anders mein lieber Herr brauchte keinen Schwarzen mehr. Denn bei der Nacht hat ihn der liebe Gott zu sich gerufen. Euer mit Thrauernder von meinen Liebenden Herrn als Bursche         Matthias Roth

»Von meinen Liebenden Herrn«? Ein Schreibfehler? Vielleicht, aber dann ein wunderbarer. Matthias Roth wusste nichts von dem Rang der Dichtungen Trakls, von seiner literarhistorischen Stellung zwischen Rilke, Hölderlin und den Modernen, von dem Glanz, der von seinen Versen ausging. Aber dass sein Herr ein ›liebender Herr‹ war, schrieb er in seinem Brief, und ohne die Liebe, die Verschwendung seiner selbst, wäre wohl bei aller Genialität ein Werk wie das Trakls niemals möglich geworden.


Ilse Aichinger, »Die Frühvollendeten«. Radio-Essays
Originalausgabe
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Simone Fässler
ca. 180 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, mit Schutzumschlag und Lesebändchen
€ 20,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902951-65-6
Erscheint im September 2021


Zur Autorenseite