Trauerrefrain
»Es beginnt der Tag« – aber wie kann er in Zeiten der Trauer weitergehen? Immer wieder setzt der Trauerrefrain beim Tagesanbruch an, um zu zeigen, wie das einmal Geschehene weiterwirkt und sich in alle neu versuchten Anfänge einschreibt.
In 209 kurzen, locker an die Tradition des Haiku angelehnten Gedichten dokumentiert das Buch eine tiefe geistige und emotionale Krise. Im Fokus steht das sich über einen längeren Zeitraum entfaltende Gefühl der Trauer als das prägende Gefühl einer Zeit, in der die Menschen sich in zunehmender Schärfe dem Verlust von Lebewesen, von Bewohnbarkeit und Gerechtigkeit aussetzen und ausgesetzt sehen.
In langsamen Schritten nähert sich der Text dem Auslöser des Trauerprozesses der Autorin: Russlands großflächigem Angriff auf die Ukraine. Ihrer poetischen Resonanz auf Leid und Zerstörungswillen stellt Anja Utler einen analytischen Essay zur Seite, in dem sie dafür plädiert, Gefühle nicht länger reflexhaft abzuwehren, sondern sie zu erforschen. Denn als Auskunftgeber über die Beziehungen in der Welt bezeugen sie nicht nur die Bedeutung (ausbleibender) gesellschaftlicher Veränderungen, sie können auch Wege zu besserem Handeln aufzeigen.
Es beginnt der Tag.
Er ließ sich nicht umgehen.
Die Pflanzen stranden
im Licht; reagierenEs beginnt der Tag.
Tasse geht zu Boden und
der Tee. Auch ich bin
abwaschbar; von innen nichtEs beginnt der Tag
in Handschuhen, greift nach den
Organen, wiegt sie
alle einzeln in der Hand.
Ausgezeichnet mit dem Peter-Huchel-Preis 2024
Buch des Monats September 2023 der Darmstädter Jury
„Dieser Band ist ein besonderer Glücksfall (…). Er sticht durch einen vibrierenden, selbstreflexiven (…), suchenden Ton hervor. Es ist ein Denken, das sich auf die Möglichkeit der Umgestaltung der Welt zubewegt. Eine Umgestaltung, die nur gelingt, wenn der andere im Blickfeld ist.“
Anna-Elisabeth Mayer, Tagebuch No. 9
„Anja Utler (…) liefert mit Es beginnt einen Beitrag, der die Relevanz von Poesie zur Erweiterung und Vertiefung von Denken und Sprache unterstreicht.“
Erwin Uhrmann, Die Presse
„In seinem poetischen, zugleich kritischen Blick eines und auf ein denkendes und fühlendes Ich in Zeiten des Aufruhrs (…) bringt Es beginnt tatsächlich etwas zum Schwingen. Ohne sich aufzublähen, zu wissen, zu behaupten spricht (…) eine Stimme, die auf die Notwendigkeit pocht, erschütterbar zu bleiben und gerade deshalb zu widerstehen.“
Beate Tröger, FAZ
„Anja Utler legt den lyrischen Finger auf die Wunden, und das zu Recht. (…) Trauer-, Angst- und Schmerzäußerungen (…) sind maßgebliche Parameter eines Gewahrseins des Zustands der Welt.“
Petra Ganglbauer, poesiegalerie
„Kein Wohlfühlbuch, keines, das froh macht oder lachen lässt, nein, aber eines, das vielleicht zur Sprache hilft, eines, das sucht, das benennt, das fragt und explizit dazu auffordert, »auch die haarigen Gefühle zu denken«.“
Nikolai Vogel, Leselampe (2023|KW21)
„Die Vierzeiler, deren erster Vers durchweg lautet, »Es beginnt der Tag«, sind tastende Sprachkonzentrate am Rande des Sagbaren. In ihrer Abfolge bilden sie eine Litanei von größter Intensität. Die Jury würdigt die intellektuell brillante wie poetisch umsichtige Suche, die von der Hoffnung getragen ist (so Utler mit Václav Havel), »dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht«.“
Jury des Peter-Huchel-Preises 2024
Anja Utler, »Es beginnt«. Trauerrefrain
Originalausgabe
270 Seiten, Flexcover, Fadenheftung
€ 24,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902951-77-9
Erschienen im April 2023
