Passagen

»Machen Sie das etwa zu Ihrem Vergnügen?«, fragt der Kapitän den Passagier, der an Bord von Containerfrachtschiffen in 80 Tagen um die ganze Welt fährt. Dass die Ladung stets Priorität hat und daher Fahrtermine und Hafenfolge nicht garantiert werden können, ist dem zahlenden Gast gerade recht, denn – der Seeweg ist das Ziel. 

Keine Weltreise im herkömmlichen Sinn, vielmehr eine Expedition in die Welt des globalisierten Frachtverkehrs zeichnet Franz Hammerbacher in seinem akkurat und mit poetischem Witz geführten Logbuch nach: als Augen- und Gemütszeuge des Alltags auf See, mit dem Wummern der Motoren als Basso continuo, in Gesellschaft von Männern, die ihr Leben aus freien Stücken auf einem »schwimmenden Knast« zubringen. 

Während die Leicht- und Vollmatrosen durch ständiges Putzen und Malen dem Teufel Rost zu Leibe rücken, aber allesamt nicht wissen, was in den 8000 Containern steckt, liest der Passagier in der Offiziersbar heimlich die Fachzeitschriften, studiert die Vorwahlnummern der Weltmeere und entdeckt auf einer französischen Crewliste den Mehrzweckmatrosen (le polyvalent). Hat nicht schon Kolumbus einst verheißen: »Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim«?

Durch die Zeitverschiebung gewinnt man immer wieder eine Stunde. Allein schon deshalb empfiehlt es sich, eine Weltumrundung von Ost nach West zu unternehmen, nicht umgekehrt. Am Ende der Tournee hat man dann zwar einen Tag verloren, der Verlust ist aber in Wahrheit ein höherer Gewinn: der vollkommene, in 24 Einheiten zu je 1 Stunde geglückte Tag.
»But you have paid for it!«, wendet Madame Sophie ein. Stimmt, ich habe im Voraus bezahlt: für Kalendertage, von denen einer sich in 24 Bonusstunden verflüchtigt. Aber man stelle sich das einmal umgekehrt vor: Bei ostumgehender Umschiffung der Welt bekäme man einen Tag geschenkt (zwei aufeinanderfolgende Tage auf See hätten dasselbe Datum), um den horrenden Preis, dass man 24 Mal eine Stunde früher aufstehen muss (oder zu Bett gehen soll, wenn an Schlaf noch nicht zu denken ist). Wollen wir das? Nein.
Außerdem sagt eine alte Seemannsweisheit: Nach Osten, ins abnehmende Licht zu fahren, macht depressiv. Die Aufbruchsstimmung geht immer nach Westen, der Sonne hinterher.


Franz Hammerbacher, »Passagen«
Originalausgabe
160 Seiten, Flexcover, Fadenheftung
€ 18,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902113-91-7
Erschienen im November 2012


Leseprobe

Zur Autorenseite