Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
Mit Zeichnungen von Rachel Caiano
Im furiosen Finale seiner zehnbändigen Reihe »Das Viertel« macht uns Gonçalo M. Tavares mit einem gewissen Herrn Eliot bekannt, der eine Reihe von Vorträgen über einzelne Verse berühmter Dichter hält. Das Publikum ist überschaubar. In den dünn besetzten Reihen sitzen ein paar Herren, die wir aus früheren Bänden bereits kennen. Herr Warhol kommt einmal vorbei, blickt kurz in die Runde und verschwindet rasch wieder.
Herrn Eliots Erläuterungen sind freilich keine Poesievorlesungen der herkömmlichen Art. Sie stecken voller Überraschungen, sind urkomisch und dermaßen rasant, dass es mitunter besser ist, sich anzuschnallen. Der siebte und letzte Vortrag – über einen Vers von Paul Celan – existiert überhaupt nur als Titel und Versprechen.
Gonçalo M. Tavares zeigt einmal mehr, dass der Ursprung aller Kreativität im freien Denken liegt, das unsere Sichtweisen spielerisch verändert und damit neue Möglichkeiten des Verstehens schafft, die wir dringend benötigen.
1. Vortrag von Herrn Eliot
Erläuterung eines Verses von Cecília Meireles
Komm, sieh den Tag wachsen zwischen Boden und Himmel
(…) Denn eins darf nicht vernachlässigt werden: Alle sind doch mit etwas beschäftigt. Jede Person hat ihre eigenen, ganz privaten Probleme, über die man nicht redet. Niemand Zivilisiertes in einer Stadt hat einen komplett freien Tag, der so unausgefüllt ist wie eine komplett leere Schublade. Daher, wird eine ausdrückliche Einladung ausgesprochen – sieh den Tag wachsen –, so sollte diese auch eingebettet sein in Bedingungen, unter denen sie sich verwirklichen lässt. Man sollte es also folgendermaßen ausdrücken: Komm, sieh den Tag zehn Minuten lang wachsen zwischen Boden und Himmel, oder: Komm für drei Stunden und sieh den Tag wachsen zwischen Boden und Himmel. Oder noch besser: Komm für drei Stunden in die Old Broad Street, um den Tag wachsen zu sehen.
Durch die größere Eindeutigkeit dieser Aufforderung ließen sich unhöfliche Nachfragen vonseiten der eingeladenen Person vermeiden, etwa: Wie lang genau soll ich den Tag wachsen sehen kommen?
Eine gut formulierte Einladung würde auch zu weniger voreiligen Absagen führen, etwa, dass jemand die Einladung ablehnen würde in der Annahme, zehn Stunden diesem Wachsen des Tags zwischen Boden und Himmel beiwohnen zu müssen. Zehn Minuten lang gern, das lässt sich einrichten; aber zehn Stunden lang, nein!
»I also read O Bairro (The Neighbourhood / Das Viertel)! What richness, what freedom — a true festival of surprises. Reading this book offers moments of intellectual happiness that are incomparable. I wanted to express my admiration for Gonçalo M. Tavares, for the depth of his insights and the masterful skill he demonstrates on every page.« Peter Sloterdijk
Gonçalo M. Tavares, »Herr Eliot und die Vorträge«
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
Mit Zeichnungen von Rachel Caiano
ca. 80 Seiten, Hardcover, Leineneinband, Fadenheftung, mit Lesebändchen
ca. € 20,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902951-62-5
Erscheint im März 2026
