In der Eselgrube

Das Gestaltungsprinzip einer Landschaft erfährt immer eine Entsprechung in den Behausungen der Menschen, die sich in ihr heimisch gemacht haben. Jede Gegend hat ihre besondere Architektur, die wiederum auf die Beziehungen der Bewohner zueinander wirkt und zusammen mit den Gegebenheiten der Natur einen bestimmten Menschenschlag hervorbringt.

1972, in jungen Jahren, erwarb Gwendolyn Leick aus dem Geld einer Erbschaft ein verfallenes Gehöft im südoststeirischen Riedelland. Gemeinsam mit ihrem Verlobten und einem befreundeten Maler ging sie daran, das Gebäude zu renovieren und ihre utopischen Vorstellungen einer neuen Lebensweise zu verwirklichen. Dass sich das aus der Stadt zugezogene Trio zudem im Haschischanbau versuchte, rief prompt die Exekutive auf den Plan und führte zu einer längeren Inhaftierung der beiden Gefährten. Während deren Abwesenheit verstärkte sich der Kontakt der jungen Frau zu dem Bauern ihres Nachbarhofs.

Fast fünfzig Jahre später blickt Gwendolyn Leick nun literarisch auf ihre Zeit in der Eselgrube zurück: in einer bestechend klaren Prosa, die mit Lust an der Sprache und voll Empathie von den Lebensformen der Einheimischen erzählt und die den Dramen und Geschichten nachforscht, die sich beim genauen Lesen der alten Matriken offenbaren – im Wissen um die unterschwelligen Zusammenhänge, die Verflochtenheit von menschlicher Gemeinschaft und der Natur.

Er war nicht sonderlich gesprächig und auch nicht gewöhnt, seine Gedanken auszudrücken, er hatte gewisse Redearten, die er immer wieder verwendete, wie die, dass Sorgen haben ein Zeichen war, dass man lebendig war, einmal im Grab hätte man keine mehr. Oft saßen wir nur nebeneinander, schauten in die Dämmerung oder auf die wiederkäuenden Kühe; aber er litt es nicht lange, untätig dazusitzen, und holte sich etwas, das zu putzen oder zu richten war, oder er beschäftigte sich mit dem Flechten eines Weidenkorbs. Der Alkohol machte ihn zwar mitteilsamer, aber weniger durch Sätze als durch Seufzer, halb unterdrückte Flüche (Sakrament nochamol), ein Lachen, ein Stöhnen, bis er sich in seine Kammer zurückzog und ich selbst den Riedel hinunterging und von meinem Schlafzimmer seinen Hof in tiefer Dunkelheit liegen sah. Ohne den Simmerlbauern hätte ich diese Jahre nicht überstanden, so denke ich jetzt. Seine Anwesenheit, seine ständige Bereitschaft zu helfen, seine Freundschaft waren der eigentliche Schatz der Eselgruber Jahre, den ich zu dem Zeitpunkt nicht imstande war, als solchen zu erkennen.


Gwendolyn Leick, »In der Eselgrube«
Originalausgabe
ca. 140 Seiten, Flexcover, Fadenheftung
ca. € 20,– inkl. MwSt
ISBN 978-3-902951-74-8
Erscheint im September 2022


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